Neulich bin ich wieder mal an einer dieser Szenen vorbeigekommen, wie sie jeder kennt. Zwei Personen auf einem Parkplatz begutachten ihre Autos von allen Seiten, diskutieren und tauschen schließlich Adressen aus. Meistens friedlich, manchmal auch nicht. Alles, weil einer der beiden Protagonisten mit seinem Auto das des anderen berührt hat. Gerne genommene Berührungs-Situationen sind Einparken oder das Öffnen von Türen. Das gibt dann eine Unregelmäßigkeit im Farbbild des anderen Fahrzeugs und kostet 150 Euro aufwärts.stosstange

Wenn ich mir das Design von neueren Autos so anschaue wundert es mich nicht, dass Abermillionen für die kleinen PKW-Schönheitsoperationen ausgegeben werden. Aus irgendeinem Grund liefern fast alle Hersteller Autos mit lackierten Stoßstangen. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Lackiert und Stoßstange. Für mein Verständnis ein eher unpassendes Begriffspaar. Der einzige “Vorteil” der sich mir neben der verbesserten Optik in dieser Neuerung erschließt, sind die neuen Arbeitsplätze in Lackierereien.

Vorher waren Stoßstangen aus stumpfem Plastik. Das war schon nicht ideal, aber die Richtung stimmte. Praktisch wäre es, wenn das Konzept der Stoßstange eher erweitert, als ad absurdum geführt werden würde. Ich würde mir die 360-Grad-Stoßstande wünschen. Dick, unlackiert und aus Gummi. In etwa wie beim Autoscooter, einheitlich auf einer Höhe. Mit diesem Rundumschutz würden die oben beschrieben Szenen der Vergangenheit angehören. Leichte Berührungen von Auto zu Auto würden ohne Folgen bleiben. Mit der Zeit würden auch Einkaufwagen, Leitplanken und Verkehrspoller auf die Höhe des Stoßringes angepasst werden.

Alle würden von der Neuerung profitieren. Autofahrer müssen nicht mehr wegen kleinsten Kratzern Rechnungen bezahlen oder an Fahrerflucht denken. Auch das Risiko sein Auto ohne Schramme abzustellen und mit Schramme wieder vorzufinden wäre deutlich minimiert.

Natürlich weiß ich, dass die Chancen für Stoßstangen, die diesen Namen auch verdienen, schlecht stehen. Gerade Autoliebhaber hätten sicherlich ihre Probleme mit der ungewohnten Optik. Eigentlich unlogisch, denn es würde doch gerade das geliebte Fahrzeug vor Schaden geschützt werden. Doch was rede ich von Logik? Selbst wenn die Idee Erfolg hätte - es würde sicherlich nicht lange dauern, bis die ersten lackierten Gummiringe auftauchten.

Gestern wurde der Frankfurter Hauptbahnhof durch eine unangekündigte Demonstration lahmgelegt. Ich weiß das, weil ich es gefühlte hundert Mal gehört habe. Über Lautsprecher, im Bahnhof selber. Ich war einer derer, dessen Abfahrt sich um zwei Stunden verzögert hat.gleisbesetzung

Über Gleisbesetzungen als Protestform kann man streiten. Und natürlich ist es ärgerlich zu warten, Termine zu verpassen und vor lauter Langeweile auch noch Geld im Bahnhof auszugeben. Ich verstehe auch die Aufregung, wenn hunderte persönliche Zeitpläne durcheinander geworfen werden.

Was ich weniger gut verstehe, sind die Reaktionen von einigen Passagieren im Bahnhof und später im wieder fahrenden Zug. Der Ärger richtete sich nicht gegen die Demonstranten, sondern gegen die Bahn selber! Wie das denn sein könne, dass gerade der eigene Zug nicht fahre. Warum keine Ersatzbusse bereit gestellt würden. Und klassisch: Geld zurück! Wahrscheinlich war auch ein “Früher war alles besser” dabei, muss ich überhört haben.

Ich kann es schon kaum nachvollziehen, wenn sich die Zugfahr-Laien mal wieder über fünf Minuten Verspätung echauffieren. Aber gestern war es offensichtlich, warum sich kein Zug  mehr bewegte. Es wurde durchgesagt, auf Anzeigentafeln angezeigt und von allen Bahnmitarbeitern erklärt: DE-MON-STRA-TION. Also sozusagen höhere Gewalt. Trotzdem scheint es selbst bei einer so glasklaren Ausgangslage so zu sein, dass in vielen Köpfen noch die Gleichung Bahn + Verspätung = Absicht angewandt wird. Die Schuldfrage wird gar nicht erst gestellt. Als ob der Bahnvorstand persönlich auf den Gleisen hocken würde.

Als ich gestern die Situation überschlagen habe, ist mir auch keine bessere Lösung als Warten eingefallen. Augen zu und durch geht ja schlecht. Ob sich die Das-kann-ja-wohl-nicht-angehen!-Fraktion über Lösungswege Gedanken gemacht hat, weiß ich nicht.  Ich wüsste sowieso gerne mal was in den Köpfen dieser Leute vor sich geht. Vermutlich nicht viel.

Ins Kino zu gehen ist wie Glücksspiel. Es ist Zufall ob der Abend gut oder schlecht ausfällt. Und es geht hier nicht um den gezeigten Film. Da kann man sich vorher erkundigen und so das Risiko eines schlechten Kinoabends minimieren.filmklappe

Nicht so bei der Sitzplatzwahl. Egal ob ganz vorne links oder hinten Mitte: Die Gefahr, nervige Sitznachbarn in seiner Nähe zu haben, ist immer gleich groß. Es bedarf dieser Filmzerstörungsspezialisten nicht vieler und der Kinoabend ist gelaufen. Dabei wird auf ein großes Repertoire an Möglichkeiten zurückgegriffen, gerne werden die (Ab-)Arten auch kombiniert:

Reden

Reden ist immer noch die beliebteste Art und Weise um im Kino zu nerven. Gerade noch erträglich sind flüsterleise Rückfragen an den direkten Nachbarn, die wiederum flüsterleise in ein bis zwei Worten beantwortet werden. Und das bitte auch nur ein bis zwei mal pro Vorstellung. Problematisch wird es, wenn beispielsweise der letzte Teil einer Trilogie läuft und jemand seinem unwissendem Nachbarn über die zwei Stunden verteilt eine Zusammenfassung der ersten beiden Teile gibt. Das stört - flüstern hin, flüstern her.

Noch schlimmer sind die Personen, die sich völlig filmkontextfrei unterhalten. Anfangs leiser, dann immer lauter. Man hat sich ja so viel zu sagen. Warum geht man dann ins Kino? Nein, anders: Gibt es einen schlechteren Ort als eine Filmvorführung um zu reden? Warum diese Leute ihr Geld nicht lieber in kommunikationsfördernde Café-, Kneipen- oder Restaurantbesuche investieren wird für mich immer ein Rätsel bleiben.

Der Super-GAU sind die die Leute, die meinen den Film durch eigene Aussagen unterstützen zu müssen. Immer so, dass es auch alle im Saal mitbekommen. Beispiele sind der berühmte “Ausziehen”-Ruf, sobald eine Frau länger als zehn Sekunden im Bild ist oder ein lautstarkes “Prost”, wenn auf der Leinwand getrunken wird. Dieser Störer-Spezies ist mit normalen Mitteln nicht beizukommen, in seltenen Fällen nimmt sich das Kinopersonal seiner an.

Telefonieren

Das Kino ist einer der wenigen Orte, wo ich mein Handy abschalte. Nicht auf lautlos, sondern aus. Das gilt leider längst nicht für alle Kinobesucher. Es gibt zwei Arten von Stimmungszerstörungen durch Mobiltelefone. Zum einen gibt es die Gruppe derer, die trotz der zahlreichen Hinweise vergessen ihr Handy auszuschalten. Beim ersten Klingeln wird dann hektisch in der Jacke oder Handtasche gewühlt und nach gefühlten Minuten der Anruf endlich weggedrückt. Noch schlimmer sind aber die Leute, die ihr Handy zwar häufig auf lautlos gestellt haben, aber trotzdem seelenruhig jeden Anruf beantworten. Flüstern ist dann ein Fremdwort. Nach zwei Minuten Redezeit und zahlreichen bösen Blicken kommt dann ein “…du, ich kann gerade nicht reden, bin gerade im Kino”. Scharfsinnig kombiniert. Wer es nicht schafft zwei Stunden nicht zu telefonieren, hat im Kino nichts verloren.

Leuchtdisplays

Mit dem Telefonieren verwandt, aber einer eigenen Kategorie würdig, ist das ständige aufleuchten von Displays mobiler Geräte. Im Kino werden SMS gelesen und beantwortet, Termine gespeichert oder einfach nur die Uhrzeit gecheckt. Das war früher, als Displays noch auf den Farben dunkelgelb und schwarz bestanden, schon störend. Heute haben Handys die Leuchtkraft von Autoscheinwerfern, nicht umsonst werden sie gerne als Taschenlampenersatz eingesetzt. Entsprechend nervig ist es wenn in der Reihe vor einem jemand alle fünf Minuten das Licht anmacht. Jeder Leuchtkegel reißt einen aus der Handlung des Filmes und erinnert einen daran, dass man im Kino und hinter einem Idioten sitzt.

Körpereinsatz

Als letztes wären da noch die Personen, die zwar nicht groß reden und auch das Mobiltelefon brav in der Tasche lassen, sich dafür aber kurz nach Vorstellungsbeginn noch schnell einen Zwei-Liter Cola-Becher holen. Diese Leute sitzen immer genau in der Mitte einer Reihe, so dass möglichst viele Personen Platz machen müssen. Die aufgenommene Flüssigkeit macht sich dann nach spätestens einer Stunde bemerkbar und das Aufstehspiel geht von vorne los. Wer subtiler via Körpereinsatz nerven will, kann optional auch seine Füße an der vorderen Rückenlehne abstützen und drauf los wackeln. Klappt immer.

Manchmal frage ich mich warum ich überhaupt noch ins Kino gehe. Die Gefahr, dass das Filmerlebnis durch telefonierendes Laufvolk getrübt wird ist schließlich groß. Wahrscheinlich ist es wirklich wie beim Glücksspiel. Man ärgert sich wenn es nicht klappt, genießt es aber um so mehr, wenn alles glatt läuft.

Was für eine Wohltat: Kombinationen von Buchstaben, die ich in mein Keyboard tippe, formen sich am Bildschirm zu dem einem klar leserlichen, ansehnlichem Text. Dass mich diese Banalität so begeistert hat einen Grund: Ich habe vor ein paar Tagen versucht einen Text zu schreiben. So richtig, mit Stift und Papier, per Hand. Ich saß Laptop-los im Park, als mir etwas Schreibenswertes in den Kopf kam. Kugelschreiber und Papier waren schnell aus dem Rucksack gekramt, der Gedanken-Fixierung stand also nichts mehr im Weg.schreibkrampf

Minuten später war der ursprüngliche Gedanke von einem Anderen verdrängt worden: Warum schleppe ich Tag ein, Tag aus Schreibutensilien mit mir herum, wenn ich deren korrekte Verwendung so gut wie verlernt habe. Die Hälfte der Worte die ich auf das Papier brachte, konnte ich nach kurzer Zeit nur noch mit Mühe entziffern. An das, was ich vor Jahrzehnten mal in der Schule gelernt hatte, erinnerte nur noch das Blau der Kugelschreibertinte. Zwar beschwerten sich die Lehrer schon damals über meine Klaue, lesbar war sie aber allemal. Im Vergleich zu heute würde sie als Schönschrift mit Sternchen durchgehen.

Natürlich kann ich - wenn ich mich anstrenge - Lesbares auf das Papier bringen. Und genau das ist mein Problem. Das Schreiben per Tastatur ist bequemer. Deshalb greife ich immer seltener zum Stift. Wann habe ich das letzte mal einen zusammenhängenden Text ohne elektronische Hilfsmittel verfasst? Abgesehen von gelegentlichen Notizen während des Studiums und auf der Arbeit ist da noch die obligatorische Postkarte. Und selbst die muss ich in der Regel nach dem Urlaub für die Adressaten übersetzten. Ansonsten ergänze ich Sätze in Formularen oder Verträgen, mache mir Notizen in mein Terminkalender oder beim Telefonieren und schreibe Dinge auf die Einkaufsliste. Mehr handschriftliche Tätigkeiten fallen mir nicht ein. Der große Rest läuft über Tastenanschläge.

Das digitale Schreiben ist aber nicht nur ein Wechsel des Schreibgerätes. Bei meinem kurzen Versuch etwas aufs Papier zu bringen hab ich festgestellt, dass sich die Art zu schreiben bei mir völlig verändert hat. Am Monitor schreibe ich nicht fortlaufend. Wenn ich ehrlich bin ist bei mir die meist genutzte Taste oben-rechts das Löschen. Ich verschreibe mich ständig, fast immer aus Flüchtigkeit. Ich nehme diese Fehler aber nicht als solche wahr, da ich Augenblicke später das Wort korrigiert habe. Zudem lösche oder verschiebe ich ganze Absätze, füge mitten im Text etwas ein und tausche häufig Wörter aus. Und immer sieht danach das Geschriebene so aus, als sei nichts gewesen.

Das “Löschen” auf Papier nennt sich “Durchstreichen” und sieht schon nach dem ersten Einsatz fürchterlich aus. Wenn dann auch noch das falsch Geschriebene vor der Nachwelt wirklich verborgen bleiben soll, reicht eine Linie über den Wörtern nicht aus. Es muss so lange über den Buchstaben “gemalt” werden bis eine Art Balken entsteht. Führt zwar zum Ziel, allerdings auf Kosten der Optik. Zudem ist das Verschieben und Einfügen nicht wirklich möglich. Ersatzweise können Pfeile, Sternchen oder Zahlen mit entsprechenden Verweisen eingesetzt werden, überzeugen kann hier aber keine Lösung.

Chaos auf dem Papier ist bei mir also unausweichlich. Was schade ist, denn das Schreiben per Hand hat natürlich auch seine unbestreitbaren Vorteile. Persönlicher ist es allemal. Vielleicht sollte ich wieder mehr per Hand schreiben, einfach um in Übung zu bleiben. Gibt es eigentlich noch Tintenkiller? Wobei: Ich besitze noch nicht mal einen Füller.

Seit der “Nichtraucherschutz” hierzulande verschärft wurde, ist die Wartezeit am Bahnhof nicht mehr ganz so langweilig. Grund sind die gelb umrandeten Raucherquadrate, die auf fast jeden Bahnsteig gepinselt wurden. Innerhalb dieser Umrandung ist das allgemeine Rauchverbot der Bahnhöfe höchst offiziell aufgehoben. Aschenbecher werden bereitgestellt, an machen Bahnhöfen sogar in Form eines Stehtisches, man schätzt schließlich seine Kunden. Dass Angebot wird durchaus angenommen, selten sieht man eine verweiste Raucherinsel.planquadrat

Interessant wird es wenn man schaut wie die Planquadrate genutzt werden. Nach meinen Beobachtungen teilt sich die Nutzerschaft in vier Kerngruppen auf:

Der Drübersteher:

Der Drübersteher ist zu gelassen, um sich seinen Genuss von den gelben Absperrungen vermiesen zu lassen. Er stellt sich exakt in die Mitte des Quadrates und meistens in paralleler Ausrichtung zu den Begrenzungslinien. Die Zigarette wird erst angezündet wenn er steht und später säuberlich im Aschenbecher ausgedrückt. Während des Rauchens werden die übrigen Passanten aufmerksam beobachtet und jeder Augenkontakt mit Außenstehenden entschlossen erwidert. Der vorgegebene Bereich wird als exklusive Nichtraucherfreie Zone betrachtet.

Der Normalo:

Der Normalo stellt die größte Gruppe da. Er geht in die Raucherzone um zu rauchen. Nicht mehr und nicht weniger. Die Zigarette wird schon auf dem Weg gezückt aber erst angezündet wenn die gelbe Linie überschritten ist. Er steht da wo gerade Platz ist, gerne auch in Aschenbechernähe. Der Bereich wird hingenommen aber nicht weiter beachtet.

Der Ankläger:

Der Ankläger protestiert während des Rauchens gegen die Einschränkung seiner Freiheit. Dies tut er, indem er sich immer direkt an der Außenlinie aufhält. Und das auch, wenn er die einzige Person in der Zone ist. Häufig werden beim Rauchen ein paar Schritte am Gelb entlang gelaufen. Die Markierung wird dabei aber regelkonform nicht überschritten. Man könnte aber, wenn man denn wollte, jederzeit rauchend aus dem Gefängnis ausbrechen und gegen die Nichtraucher putschen.

Der Rebell:

Der Rebell ist da schon einen Schritt weiter. Er betritt die Insel nur selten um nach Feuer zu fragen. Die Zigarette wird immer ein bis zwei Schritte außerhalb des Raucherrechtecks geraucht. Mit voller Absicht steht er wie zufällig in der verbotenen Nichtraucherzone und bekämpft das rauchfreie System mit zivilem Ungehorsam. Sollen die da oben doch kommen und versuchen ihn in die Zone zu bringen, er wird kämpfen. Ein wenig unsicher ist der Rebell sich in seinem Handeln aber schließlich doch, schließlich würde er sonst nicht die räumliche Nähe zur Legalität suchen.

Mein Zeitvertreib auf dem Bahnsteig ist es die Personen schon vor Erreichen des Raucherbereichs einer der Gruppen zuzuordnen. Häufig mit Erfolg, man bekommt ein Auge dafür. Ärgern tue ich mich dann über die Leute, die irgendwo auf dem Bahnhof rauchen. Nicht weil sie den Nichtraucherschutz gefährden, sondern weil sie sich nicht am gelben Planquadrat ausrichten, die Spielverderber.

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